Sonntag, 18. November 2012

Sam Mendes führt Bond in seine Tiefen: ‚James Bond 007: Skyfall‘.


Skyfall
Actionthriller | Vereinigtes Königreich, USA 2012 | FSK 12 | 143 Minuten | Regie: Sam Mendes

„Wo zum Teufel waren Sie?“ – „Ich hab‘ den Tod genossen.“

Was macht den neuen Bond so erstklassig? Sam Mendes gibt seinem ‚Skyfall‘ vor allem Charakter. Mal von dem rasanten Opening, dem Megaintro und Adeles Hymne sowie der Megabesetzung um Naomi Harris, der geheimen Heldin aus ‚28 Days Later‘, Judi Dench und vor allem Javier Bardem abgesehen; ‚Skyfall‘ umgibt sich in für Actionverhältnisse brillante Tiefen seiner selbst. 007 ist gefallen – und das im wahrsten Sinne und auf gleichem Wege allegorisch –, er beginnt zu trinken und ist, wie es auf den ersten Blick noch ausschaut, am Ende seiner Kräfte und somit auch seiner Karriere. Doch er wiederaufersteht, und zwar so alt, zerbrechlich und ja, fast schon vergreist. Mendes charakterisiert seine Hauptfigur wie nie zuvor und gibt Bond einen spürbar seelischen Hintergrund seiner Storyline. Und im selben Maße macht ‚Skyfall’ an dieser Stelle eins ganz richtig: Er strahlt und sympathisiert mit Selbstironie auf sein eigenes Altern – ganz entgegengesetzt dem zeitgenössischen Zeitgeist „aus alt mach neu“. Wenn der alte Aston Martin aus der Garage geholt wird, der alte Score im Hintergrund eingespielt wird und die bezaubernde M für zu alt für ihren Job abgestempelt wird, heißt das nicht nur „50 Jahre Bond“, nein, Sam Mendes geht hier einen attraktiven Schritt weiter in Richtung Actionkino mit neuem Maßstab, Ambition und zeitgenössischer Denkart.

Wer es auch genau wie ich – mehr oder weniger berechtigt – eher nicht erwartet hatte: In ‚Skyfall‘ stecken anmutige symbolische Ansätze: Wenn Bond und sein neuer Assistent Q im Museum erstmals vor einem Gemälde aufeinandertreffen, welches einen alten Dampfer abbildet, der von neuen Booten abgeschleppt wird, erkennen wir eigentlich nichts anderes als das, was gerade mit Bond passiert – der gefallene Actionheld altert, er ist nicht mehr das Beste und Neuste und er benötigt nun Unterstützung. Ebenso die Symbolik im Intro, in dem der komplette Film in Sinnbildern eigentlich schon erzählt wird – wie Bond zum Beispiel gleich am Anfang von einer fremden Hand aus dem Wasser gefischt wird, in welchem er zu ertrinken droht, ist doch genau das, was später vor dem furiosen Finale stattfindet. Die Kreativität und sein Einfallsreichtum, welches Mendes in seinen Bond einbringt, lässt ‚Skyfall‘ in wirklich intelligentem Licht stehen.

‚Skyfall‘ verfügt über phantastische Anspielungen auf die Popkultur: Gleich zwei Mal hängt Bond in schwindelnder Höhe am Abgrund, einmal fällt er sogar – eine Anspielung auf Hitchcocks ‚Vertigo – Aus dem Reich der Toten‘. Oder die Szene, in der Bond seinen Gegner Patrice vor einer bunt erleuchteten Leinwand bekämpft und wir nur die Schatten der beiden sehen lässt an Tarantinos ‚Kill Bill: Volume 1‘ erinnern, als Uma Thurman einst gegen die Verrückten 88 kämpfte, als das Licht ausgeschaltet wurde und wir ebenfalls nur ihre kämpfenden Schatten beobachten konnten. Wenig später hält Bond den selben Feind von einem in der Dunkelheit grell und farbig beleuchteten Wolkenkratzer an der Hand über den tiefen Abgrund – das Ganze erinnert unübersehbar an ‚Blade Runner‘, wie sich Harrison Ford in einer Szene über dem Abgrund hielt. Und als das brennende alte Haus mitten in der Einöde im Moor zum Schluss in Flammen aufging und Javier Bardem schadenfroh vor den Flammen jagt, fiel mir nur ein Bild in den Kopf: Die Todesser schleichen mit niederträchtigen Blicken vor dem brennenden, zerstörten Haus der Weasleys aus ‚Harry Potter und der Halbblutprinz‘.

Nach der letzten Bond Niederlage ‚Quantum Trost‘ wieder ein richtig beeindruckender 007. So muss „Männerkino“ aussehen und ich bin eben auch nur ein Junge. Da zücke ich gerne die acht.

“Let the sky fall”.




Kommentare:

  1. Ergänzung: ein Wetttrinken an der Bar (JÄGER DES VERLORENEN SCHATZES), eine Zugprügelei kurz vor dem Tunnel (MISSION: IMPOSSIBLE), ein Kampf in einem Erdloch mit einem Monster (DIE RÜCKKEHR DER JEDI-RITTER), eine entgleiste U-Bahn (SPEED), ein Helikopterangriff mit dröhnender Musik (APOCALYPSE NOW), und das von BLADE RUNNER inspirierte, in Neon getauchte Shanghai der Nacht und der Werbung wurde sowieso in Gänze adaptiert.

    Die Funktion des Intros als eine ästhetische Vorwegnahme all jener hintergründigen Motive, die eine thematische Hauptrolle im vorliegenden Bond-Film spielen werden, ist im Laufe der Reihe allerdings nicht neu, sondern allgegenwärtig und alteingesessen. Auch Maurice Binder - bevor er von Daniel Kleinman abgelöst wurde - verwendete unbewusste und subtile Elemente sowie Gesten der Handlung, die er stets als einen assoziativen Strom anordnete, der etwas erzählen sollte, bevor es überhaupt erzählt wird. Kleinman organisiert den Vorspann nur plakativer, damit jeder mit dem Holzhammer darauf hingewiesen wird (dies gerät in Anbetracht von GOLDENEYE und TOMORROW NEVER DIES beispielsweise aber auch, zugegebenermaßen, etwas formschöner als bei Binder).

    Interessanter Text!

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    1. Da bist du sicherlich der erfahrenere Bondgucker von uns beiden. Kenne nur die zwei letzten mit Craig und verschwommen die mit Brosnan. Da sind mir die Intros nicht so metaphorisch in Erinnerung geblieben. Bei Casino Royale kommen zwar auch Spielkartenzeichen (wie nennt man sie noch gleich?) und Fights mit ins Spiel, aber nicht so bedeutend wie in diesem finde ich.
      Ansonsten danke ich Dir!

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